Mit dem Zug durch den Osten der BRD

Kurz vor Ostern und viel zu früh für offene Augen und brauchbare Gedanken brach mein Zug fahrplanmäßig auf. Da die wenigen weiteren Fahrgäste wie ich zu zeitig aus dem Bett gefallen waren, hielt jeder zum Wohle aller seine Klappe. Wir hörten nur, wie sich die Türen des Regionalexpresses Richtung irgendwo und darüber hinaus schlossen. Seine Beschleunigung bei der Anfahrt und sein Schleichen über die von Sonnenstrahlen allmählich bemalten Gleise bekamen wir gar nicht mehr mit. Unsere Ohren waren mit Kopfhörern bestückt. Ohne sie wäre ein Start in den Tag unvorstellbar gewesen.

An diesem Morgen startete ich meine Reise dort, wo wahlweise entweder RB oder Lok regiert. Überall sah ich Aufkleber oder gesprayte Schriftzüge an alten wie neuen Gebäuden um jeweilige Bahnhöfe und Haltpunkte herum. Später wechselte ich den Zug dort, wo entweder Union oder Hertha auf einem imaginären Thron sitzen, um letztendlich auszusteigen, wo Hansa über die Geschicke aller entscheidet.

Neben den eindeutigen fußballspezifischen Definitionen, wessen Herrschaftsgebiet ich zum Glück zollfrei betreten hatte, nahm ich noch unzählige weitere Botschaften wahr. Manchmal war es eine Reichsflagge, manchmal das klassische Hakenkreuz. Irgendwo machte man sich die Mühe, einen Schriftzug zu gestalten: Der digitale Euro sei etwas für diejenigen, die die Sklaverei wollen, oder so ähnlich konstatierte man – immerhin mit einer seltenen tadellosen Rechtschreibung. Daneben prangerten noch ab und zu die Zahlen 18 oder 88. Wenn sich eines Tages überraschenderweise doch der gesamte hirntodverursachende digitale Überfluss erledigt hat oder wenn es zu einem dauerhaften Ausfall von Strom oder Internet kommt, weiß ich, dass deutsche Bahnhöfe und Haltepunkte ganz analog Instagram und Kollegen ersetzen werden.

Nach dem Wahrnehmen eines vollkommen zeitverschwenderischen Termins saß ich dann wieder an einem Bahnhof – Ludwigslust. Er liegt im Nirgendwo, aber man kommt von dort aus so ziemlich überall hin; gut vielleicht noch nicht als Rollstuhlfahrer oder als Krückennutzer, aber daran wurde schließlich bei meinem Besuch eifrig gearbeitet. Bis zum Abschluss von Umbau und Sanierung muss es einfach ohne Aufzüge sicherlich nicht gehen, aber zumindest rollen oder humpeln. Ich frage mich, was die Regenten jeweiliger fußballerischer Herrschaftsgebiete täten, würden sie erfahren, wie es in ihren Ländereien aussieht, ja, wie es um ihr armes, leidendes Volk bestellt ist. Würde nicht Hansa als wohltätiger, weiser und erfahrener Herrscher sofort seine Gefolgschaft entsenden, um bewegungseingeschränkten Personen einen angenehmen Aufenthalt am Bahnhof zu ermöglichen? Würden Union und Hertha nicht sofort ihre kühnsten und tüchtigsten Handwerksmeister sowie dazugehörige Gesellen einsetzen, bis die Barrieren für die väterlich und mütterlich gehüteten Einwohner und Reisenden überwunden wären? Würden RB und Lok nicht erst zu mühevollen Arbeiten anleiten, um daraufhin ein reiches Fest mit Trank und Schmaus gemeinsam mit allen zu feiern, auf dass noch kommende Generationen frohe Lieder darüber singen werden?

Mein überfüllter Regionalexpress ließ noch auf sich warten und ich war endlich wach genug, um mit dem nahezu sommerlichen Nachmittag etwas anfangen zu können. Im Bahnhofskiosk gönnte ich mir einen billigen Hotdog, schlenderte vergnüglich die Gleisunterführungen entlang, um an den passenden Bahnsteig zu gelangen, und nahm dort auf einer fahrgästefreien Sitzbank Platz. Als ich soeben meinen ersten Bissen nehmen wollte, sprach mich ein Rentner mit „Guten Appetit!“ an. Freundlichkeit im Alltag ist das eine, mich aber beim Essen zu stören, ist das andere. Meine Antibegeisterung über die Phrase unterdrückte ich. Stattdessen dankte ich einsilbig nuschelnd, nahm einen Happen in weiser Voraussicht und bemerkte, wie sich der ältere Herr neben mich setzte. Was dann geschah, hatte man schon Wochen zuvor in allen Zeitungen lesen können:

Der Herr begann erst über das Wetter und die ungewöhnlich hohen Temperaturen zu sprechen, erzählte mir vom Landkreis und den Veränderungen dort, um schließlich zu bemerken, dass alles zu teuer geworden sei, in der DDR alles besser gewesen wäre und in Deutschland viel zu viele Ausländer lebten. Vielleicht wegen des vorherigen Termins, dessen Verlauf und des obszönen Verlustes meiner kostbaren Lebenszeit, vielleicht weil mir meine einfache Ein-Euro-Fünfzig-Fleischspritze so gut schmeckte, vielleicht weil ich mir einbildete, der Herr sei ein fähiger Kundschafter eines fernen Reiches, das sich des Leides seiner Untertanen annehmen möchte, oder aus welchen Gründen oder kosmischen Ursachen auch immer, ignorierte ich nicht den ewiggleichen, viel zu oft gehörten ostdeutschen verdorbenen Gedankengulasch. Nein, ich unterhielt mich mit dem Senior, nickte, fragte nach, schüttelte den Kopf, erzählte etwas von mir, machte große Augen, lauschte seinen Ausführungen, blickte kurz in den Himmel, um fast unbemerkt meine Augen zu verdrehen, versuchte, seine Aussagen ins Verhältnis zu setzen und zu vergleichen, merkte, dass er lieber erzählen als sich unterhalten wollte, und gab mich dann einfach seinen wilden Viertelargumenten und Halbzusammenhängen hin, bis schnell eine gute Stunde verging und ich meinen Zug zu nehmen hatte.

Der ältere Mann erzählte mir zudem, fast schon beiläufig, dass er am Bahnhof sitze, um auf seine Exfreundin zu warten. Die sollte mit einem Zug aus Schwerin kommen und in Ludwigslust umsteigen. Er wollte sie kurz sehen, einmal Hallo sagen und ein schnelles Wort mit ihr wechseln. Sie hielten es so seit Jahren. Für 19 Uhr sei sein Abendbrot angedacht – irgendetwas Schlichtes. Wahrscheinlich werde er sich zeitnah zu Bett legen. Mehr sei nicht geplant. Früher, so erzählte er mir, habe er in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet, jetzt lebe er allein und bekäme soziale Unterstützung, um seinen Alltag bestreiten und in seiner Wohnung leben zu können. Ihm sei eine fünfzigprozentige Behinderung attestiert worden. Bis auf eine Schwester, mit der er den Kontakt abgebrochen habe, gebe es für ihn keine weiteren Verwandten. Eine Familie habe er nicht mehr. Nach all den Einblicken meinte er, dass es in Ludwigslust und weiteren angrenzten Gemeinden zu bestimmten Zeiten viele schöne Feste gebe, die man besuchen sollte. Er erinnerte sich noch an ein paar Zugreisen zu seiner Schwester und in eine Nachbarstadt.

Als ich zum Regionalexpress aufbrach, ging er vom Bahnsteig. Er wollte an einer anderen Stelle auf seine Exfreundin warten. Er wünschte mir frohe Ostern. Den Gruß erwiderte ich aufrichtig freundlich.

Auf der Rückfahrt durch das Gebiet, wo Magdeburg regiert und sich anscheinend auch nicht dazu entschließen konnte, ein Herrscher zu sein, der es wert wäre, von Liedermachern und Geschichtsschreibern gehuldigt und gelobpreist zu werden, saß ich in einer S-Bahn, deren Triebwagen nicht lauter und ungeeigneter für eine lange Zugfahrt sein könnten. Umgeben von angenehm fremden und neugierig machenden Menschen aus allen Ecken dieser Welt mit all ihren Eigenheiten, Sprachen, Speisen und Verhaltensweisen dachte ich immerzu an den alten Mann. Wie schnell hätte man ihn als ätzenden Opanazi angesehen, als blauen Vollpfostenwixer oder als irgendein zurückgebliebenes Zonenopfer, mit dem man kein Wort wechseln sollte? Hinter all seinen anfänglichen, oberflächlichen Worten, denen wir schnell geneigt sind, viel zu viel Bedeutung beizumessen, so widerlich sie manchmal wirken mögen, fanden sich andere Worte, andere Gedanken eines wohl einsamen älteren Mannes, dessen Tagehöhepunkt nur noch darin besteht, auf einem Bahnsteig im Nirgendwo auf jemanden zu warten und vielleicht am Ende gar nicht zu sehen oder anzusprechen. RB, Lok, Union, Hertha, Hansa und Magdeburg ist das alles völlig egal. Sie thronen in ihren Festungen, während sich der Pöbel an überflüssigen Wettkämpfen und schlechten und überteuerten Fressalien erfreut. In Deutschland hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern.

 

René Kanzler

Ein Gedanke zu „Mit dem Zug durch den Osten der BRD

  1. Lieber René.
    hier nochmal der Verweis – zu deinem letzten Satz oben – auf Madame de Pompadour.
    Oder auf Asterix:
    „Wiederholungen gefallen nicht immer“ (Bis repititant non placet immer – oder so ähnlich)
    Dein Resilienztheater

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