Woche #19 – Der Fragesteller

Sich mit Philosophie zu beschäftigen, hat unter anderem den Vorteil, früher oder später erkennen zu können, dass es nichts gibt, was nicht hinterfragbar ist. Kein Gedanke, kein Konzept, kein Ablauf, kein Projekt und keine Strukturen oder Organisationen können und sollten sich Fragestellungen entziehen. Oft sind es Fragen, die neue Perspektiven aufzeigen und einen Innovations- oder Verbesserungsprozess einleiten können.

Für mich ist das nach vielen Forschungsjahren selbstverständlich. Daher frage ich gerne nach. Oft kommt das nicht gut an. Kritisches Nachfragen wird oft mit einem Angriff verwechselt. Eine eigentlich sachorientierte Frage gelangt schnell auf eine persönliche Ebene.

Wichtig ist es dabei, eventuelle Missverständnisse oder auch Konflikte, die sich aus formulierten Fragen ergeben können, auszuhalten, sie zu verstehen und im Anschluss zu lernen, sie zu lösen. Das kann mühsam sein, zumal ich selbst oft genug erfahren konnte, wie ich bereits mit Betonungen oder Formulierungen zu Missverständnissen beigetragen habe. Aber es ergeben sich daraus drei große Gewinne für einen selbst und für andere: Erstens können heftige Reaktionen darauf hindeuten, dass Gedanken, die man sich vor der Frageformulierung gemacht hat, einen empfindlichen Punkt getroffen haben und somit eine erste Grundlage für neue Impulse gegeben ist. Zweitens sind Missverständnisse oder Konflikte immer eine Chance, sich gegenseitig kennenzulernen und selbst zu reifen. Gemeinsam kann man in diesen Situationen einüben, Dinge zu klären, Standpunkte und Argumente auszutauschen und Kompromisse zu finden. Drittens kommuniziert der gesamte Prozess von Fragestellung und Austausch über eventuelles Konfliktmanagement, dass man an einer Sache interessiert ist, nicht an Befindlichkeiten oder am Persönlichen. Die Einsicht zu erzeugen, beziehungsweise auch selbst zu erlangen, sachorientiert zu sein und arbeiten zu wollen, kann oftmals einige Zeit in Anspruch nehmen. Das heißt, man sollte mit sich und anderen geduldig sein. Am Ende erwarten einen aber eine effizientere Zusammenarbeit, Vertrauen und stärkere Bindungen innerhalb einer Organisation oder eines Netzwerkes. Und damit sind im Idealfall die Bedingungen gegeben, gemeinsam einen Schritt nach vorn zu gehen, sich zu entwickeln, Neues zu versuchen und Bestehendes zu verbessern.

Stellt also Fragen, nicht blind, nicht als Angriff gemeint, sondern durchdacht und sachorientiert, um euch und andere wieder frische Impulse zu geben.

René Kanzler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert