Woche #17 – Loben und kritisieren, aber richtig
In der Berufswelt und im Alltag ist es zur Gewohnheit geworden, nur dann zu loben, wenn man daran ein persönliches Interesse hat. Man lobt die Chefin, um ihr gewogen zu sein oder eine bestimmte Position zu erhalten. Das laufende Projekt erhält lobende Worte, um Schwächen und Ungereimtheiten gegenüber Mittelgebern zu kaschieren. Dagegen hat Kritik oft das Ziel, Personen schlecht dastehen zu lassen, sich zu profilieren oder Macht auszuüben. Daher verwundert es nicht, dass Lob kaum noch etwas bedeutet und Kritik gefürchtet wird.
Die Auswahl der Beispiele ist beliebig und keinesfalls erschöpfend. Was allen Beispielen aber gemein ist, ist der Umstand, dass es in ihnen nie um die Sache selbst geht. Stattdessen werden Ränge, Beziehungen sowie eigene Wünsche und Bedürfnisse in den Fokus gerückt. Darunter leiden alle Tätigkeiten und alle menschlichen Beziehungen.
Sinnvoller ist es dagegen, Lob und Kritik als Reflexionsmittel zu verstehen, die es erlauben, eine Sache zu prüfen, zu hinterfragen und gemäß entwickelten Standards zu bewerten. Im Fach Philosophie bezeichnet man das als kritische Würdigung. Standards können etwa Widerspruchsfreiheit, Originalität, Erkenntnisgewinn, Zielerreichung, Geschlossenheit, Begründungen und Validierungen sowie Chancen auf Weiterführung etwa von Gedanken und Ideen sein. Man erkennt hierbei leicht: Das Persönliche hat hier keinen Platz. Es geht um die Sache selbst.
Ein Lob wird innerhalb einer kritischen Würdigung zu etwas Wertvollem. Man versteht, was man gut gemacht hat, man begreift, was funktioniert, man sieht, wo Potenziale stecken. Ähnlich ist es um die Kritik bestellt. Sie fungiert nicht mehr als Angriffsmittel, sie lädt zur Reflexion, Weiterentwicklung und Verbesserung ein und respektiert gleichzeitig alle Gesprächspartner*innen und ihre Standpunkte. Da die kritische Würdigung auf Grundlage der oben genannten Standards (oder Kategorien) erfolgt, ist sie eine Methode, um tatsächlich einen Austausch auf Augenhöhe zu pflegen und es nicht nur so erscheinen zu lassen. Daher kann sich die kritische Würdigung äußerst positiv auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirken, obwohl sie versucht, alles Persönliche außen vor zu lassen. Sie trägt dazu bei, Konflikte entweder nicht entstehen zu lassen oder zu entschärfen. Sie hilft dabei, als Mensch zu wachsen. Und sie ist eine gewinnbringende Methode in der Arbeitswelt, um Abläufe, Projekte, Pläne, Strategien, Entscheidungen etc. zu hinterfragen und damit zu optimieren. Man sieht: Ein Blick in den Fachbereich der Philosophie lohnt sich.
